Empörung am falschen Objekt – Kokain statt Staatsverständnis

Da hat sich kürzlich CVP-Präsident Christophe Darbellay mit einem – wie der Tagesanzeiger schreibt – «waghalsigen Vergleich» den Ärger und die Empörung verschiedener Schwulen- und Lesbenorganisationen zugezogen. In Bezug auf die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare in eingetragenen Partnerschaften meinte Darbellay: Nur weil einzelne Personen das heutige Gesetz umgingen, bestehe noch kein Änderungsbedarf. Schliesslich werde Kokain auch nicht legalisiert, nur weil viele Leute Kokain konsumierten.

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Der Steueranteil der reichsten zehn Prozent in der Schweiz – Überdurchschnittlich?

Die Belastung der Reichen im Verhältnis zu ihrem Einkommensanteil.Leisten die Reichen in der Schweiz einen überdurchschnittlichen Anteil am Steueraufkommen? Glaubt man einer in der NZZ abgedruckten Statistik der OECD (01. Nov. 2011, S. 27), so tragen in der Schweiz die reichsten zehn Prozent nur 20,9% des Steueranteils, während ihr Anteil am Gesamteinkommen des Landes aber 23,5% ausmacht.

Diese Feststellung ist durchaus brisant, wird doch immer behauptet, die Reichen und Reichsten leisteten Überdurchschnittliches beim Steueraufkommen. Gemäss diesen Zahlen leisten sie allerdings nicht einmal das, was ihrem Einkommensanteil am Gesamteinkommen des Landes entspricht.

Der NZZ-Artikel («Wie viel die Reichen bezahlen»), zu dem diese Statistik gehört, befasst sich indes nicht mit den Verhältnissen in der Schweiz, sondern damit, dass in den USA die Reichen einen überdurchschnittlichen oder fairen Beitrag am Steueraufkommen leisten («Die USA haben eines der progressivsten Steuersysteme unter den Industriestaaten». Gut, das mag sein …).

Während die Statistik also die amerikanischen Reichen in ein gutes Licht rückt, lässt sie die Schweizer Reichen schlecht aussehen. Hat dies die Redaktion der NZZ überhaupt bemerkt? Wie viele der Lesenden?

Statistiken sind immer mit Vorsicht zu lesen und zu geniessen, besonders wenn die Datenbasis nicht bekannt ist. Die Aussage zur Schweiz ist aber erstaunlich genug, und würde weitere Recherche rechtfertigen.

Das Mammut und ein Fast-PR-GAU

Das Mammut ist ausgestorben (ob durch Klimawandel oder aus anderen Gründen, das ist umstritten). Das Mammut ist aber nicht nur ausgestorben, sondern auch ein Unternehmen «für die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb von Alpin‑, Outdoor- und Snowsport-Produkten» und – wie das Unternehmen wiederum selber schreibt –

Wir wollen die besten alpinen Produkte anbieten, eine hohe soziale Verantwortung wahrnehmen, auch gegenüber unseren Partnern, und den bestmöglichen ökologischen Fussabdruck hinterlassen. Damit unsere Nachfahren auch Alpinisten sein können.

Die natur- und klimabewusste Haltung ist verständlich, denn wo sollen unsere Nachfahren frohe Alpinisten sein, wenn die letzten Gletscher geschmolzen und nur Geröllhalden übrig sind.

Umso mehr musste also der frohe Alpinist staunen, denn da fand sich Mammut auf einer von Economiesuisse und dem Gewerbeverband initiierten Liste von Unternehmen (www.co2.ch), welche sich gegen das zurzeit im Parlament behandelte CO2-Gesetz stellen.

Auf seiner Facebook-Seite wurde Mammut in den letzten Tagen und Stunden zahlreich auf diesen Widerspruch hingewiesen. Zunächst versuchte Mammut, die Stellung zu halten mit Textbausteinen über «einen umfassenden Ansatz» (siehe Einträge zwischen dem 22./23. August 2011), doch erklärten diese nicht das Engagement gegen das CO2-Gesetz. (Dieser erklärte sich vielleicht vielmehr daraus, dass der Mammut-Geschäftsleiter, Rolf. G. Schmid, zugleich Vorstandsmitglied der Economiesuisse ist.)

Die Wortmeldungen wurden zahlreicher – eine social network-Revolution im Kleinen – und schliesslich gab Mammut den «Widerstand» auf:

Die massive Kritik der vergangenen Stunden auf der Facebook Page hat uns veranlasst, den Eintrag auf der Webseite co2.ch per sofort zu entfernen.

Tatsächlich lag der Präsenz von Mammut auf dieser Liste keinerlei strategische Bedeutung zugrunde. Aus diesem Grund tun wir uns nicht schwer die Position von co2.ch nicht weiter öffentlich zu vertreten. Die Vermutung … trifft zu, dass wir «halt mal angefragt worden sind» und dann zugesagt haben, ohne uns der Konsequenzen in diesem Umfang bewusst gewesen zu sein.

In keiner Art und Weise wollen wir unser Engagement in Sachen Nachhaltigkeit durch das Halten einer Position, die keine strategische Relevanz hat, gefährden. …

… Wir bedanken uns auch für die mehrheitlich sachliche Argumentation, die uns nicht nur dazu angeregt hat, unseren Standpunkt zu revidieren, sondern auch eine weitere wichtige Lektion im Umgang mit Social Media zu lernen.

Man darf gespannt sein, ob weitere Unternehmen, die zurzeit auf der Anti-CO2-Gesetz-Liste verzeichnet sind, ihren Standpunkt revidieren. Insbesondere solche Unternehmen, die wahrscheinlich ebenso «halt mal angefragt worden sind», ohne dass das Gesetz einen Kernbereich ihrer Unternehmenstätigkeit betreffen würde – schon aus Reputationsgründen müssen sie sich darüber Gedanken machen.